Archiv der Kategorie: Gedichte

Winterspaziergang

Fotos Brigitte Fuchs: Teufenthal

 

 

Holzwege

 

Eine vom Sturm gefällte Fichte liegt

quer über dem Waldweg eilig nimmt

die Frau mit den roten Plastiktüten

ihre zwei Hunde an die Leine von den

Nadelbäumen rieselt ein altbekanntes

Winterlied bei der Naturfreundehütte

Wendespuren von Autos im Schnee

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“ Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

Fotos Brigitte Fuchs: Teufenthal

 

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Winterwärme

Foto Brigitte Fuchs

 

 

(…)

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr,
die fangen zu schmelzen an,
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

 

 

Richard Dehmel (1863-1920) deutscher Dichter, Dramatiker und Kinderbuchautor
Die letzte von drei Strophen seines Gedichtes „Winterwärme“

 

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Was wollen mir vertraun die blauen Weiten …

Foto Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,
Als müssten alle Farben auferstehen,
Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

So wart ich still, schau in den Frühling milde,
Das ganze Herz weint nach dem süssen Bilde,
Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiss es nicht zu sagen.

 

 

Joseph Eichendorff (1788-1857) deutscher Dichter
Letzte Strophen seines Sonettes „Was wollen mir vertraun die blauen Weiten“

 

Foto Brigitte Fuchs: Sempachersee

 

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Reflexionen

Fotos Brigitte Fuchs

 

Wie auf schönen klaren und tiefen Bronnen,
Spiegeln sich auf hässlichen seichten Pfützen
Sterne und Sonnen.

Aus dem Schmutzigen wie dem Reinen, immer
Strahlt ihr Bild im nämlichen makellosen
Göttlichen Schimmer.

Denn das Reine bleibt ewig fort das Reine,
Ob die Hände, die es berühren, edle
Oder gemeine.

Und das Grosse kann nie der Schmutz verdunkeln,
Doch den Pfuhl sogar lässt leuchtende Grösse
Golden erfunkeln.

 

A. de Nora (1864-1936) Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter

 

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Winter

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Weg und Wiese zugedeckt,
Und der Himmel selbst verhangen,
Alle Berge sind versteckt,
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht,
Die sich vor den Tag geschoben,
Die der Sonne glühe Pracht
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot:
Sonne, Mond und lichte Sterne?
Ruht das wirkende Gebot,
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum?
Sind verschüttet alle Wege?
Grau und eng die Welt und stumm.
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

 

Otto Julius Bierbaum (1865-1910) deutscher Journalist und Schriftsteller

 

 

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Winterlied

Fotos Brigitte Fuchs: Barmelweid am 14. Januar 2024

 

Das Feld ist weiss, so blank und rein,
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell, wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er flimmert blau und rot und weiss,
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus
Ragt, nackt und kraus,
Des Dorngebüsches Garbe.

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind‘
Im Sonnenstrahl bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Pflaum
Wie leichter Blütenregen.

(…)

 

Freiherr Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834) Schweizer Dichter
Die ersten drei von sieben Strophen seines Gedichtes „Winterlied“

 

Fotos Brigitte Fuchs: Barmelweid

 

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Winterbild

Foto Brigitte Fuchs

 

 

In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermissmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.

In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, blossen Haupts, ein Bettler vor der Türe.

 

Hedwig Lachmann (1865-1918) deutsche Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin

 

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Begegnung

Fotos Brigitte Fuchs: Skulptur „Begegnung“ von Rolf Brem vor der Gemeindeverwaltung in Suhr/AG

 

 

(…)

Ich hatte dir so viel zu sagen,
Du Jugendfreundin, mir so lieb,
Ich hatte dich so viel zu fragen,
Die Zeit gebot, es unterblieb.
Vielleicht, dass wir uns wiederschauen
Auf wechselvoller Pilgerbahn,
Dann knüpfen Achtung und Vertrauen
Das Band der Freundschaft wieder an.

(…)

 

 

Ludwig Bechstein (1801-1860) deutscher Schriftsteller, Bibliothekar und Archivar
Die fünfte von sieben Strophen seines Gedichtes „Begegnung“
Aus der Sammlung „Vermischte Gedichte“

 

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Ins Gästebuch

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Wie schön dass es noch weisse

Landstriche gibt in unserer Vita ein

Zuckerschlecken ist das die Chance

im Bild zu sein über allen Gipfeln

die Fragen die Antworten unter sich

(die Faust im Sack eine Taube) & auf

dem Dach nichts als der Konjunktiv

 

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“ Gedichte, edition 8, Zürich 2008

 

 

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Rotkehlchen

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Schwalben waren schon lang
Fort und auf der Reise,
Nur ein Rotkehlchen sang
Lieblich und leise
Unter dem Dach
Eines Hauses, das, halb zerstört,
Allmählich zusammenbrach.
Es wurde von niemand gehört,
Und dennoch sang es. Das Moos
Wuchs auf der Schwelle,
Die Steine bröckelten los,
Des Abendlichtes Helle
Schlief in den Zimmern allein,
Die Stürme gingen aus und ein
In dem grossen verödeten Gang,
Aber das Rotkehlchen sang.
Lust und Freude waren entflohn,
Alles war aus,
Es wusste nichts davon;
Es sang im öden, verfallenden Haus
Mit einem eignen lieblichen Ton.

 

Hermann von Lingg (1820-1905) deutscher Arzt, Lyriker und Epiker

 

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