Archiv der Kategorie: Gedichte
Unbestand des Glücks
Foto Brigitte Fuchs
Weil man auf dieser Welt mehr Kreuz, als Freud‘, erlebt
Und immer in der Irre schwebt,
So denkt ihr wenig nach, indem ihr so verzagt
Den Unbestand des Glücks beklagt;
Dankt für die Hoffnung doch, ihr Thoren, dem Geschick!
Der Unbestand ist unser Glück.
Christian Wernike (1661-1725) deutscher Privatgelehrter, Diplomat und Epigrammatiker
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Das Lied im Grünen
Foto Brigitte Fuchs
(…)
Im Grünen, im Grünen, da lebt es sich wonnig,
Da wandeln wir gerne
Und heften die Augen dahin schon von ferne,
Und wie wir so wandeln mit heiterer Brust,
Umwallet uns immer die kindliche Lust;
Im Grünen, im Grünen.
(…)
Friedrich Reil (1773-1843) deutsch-österreichischer Schauspieler und Schriftsteller
Eine von acht Strophen seines Gedichts „Das Lied im Grünen“
Heute ist übrigens der Welttag des Buches – und damit auch des Lesens.
Warum nicht im Grünen…

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Mond und Tulpe

Alle Fotos Brigitte Fuchs
Herr Mondstrahl, der ist sehr verliebt
in Fräulein Tulipan.
Das schöne Kind am Gartenhaus,
das hat’s ihm angetan.
Allnächtlich, wenn der Garten träumt,
schleicht er sich still heran;
Er bleibt bei ihr die ganze Nacht
und schaut sie lächelnd an.

„O Tulipan, lieb Tulipan!“
er schmeichelt süss und spricht:
„O nimm den Blütenblätterkranz,
den Schleier, vom Gesicht!“ —
„Du bleicher, kalter Nachtgesell,
so lass mich doch in Ruh‘! —
Sie zieht die Blütenblätter schnell
noch etwas fester zu.

„Ich bin verlobt, damit du’s weisst,
mit dem Herrn Sonnenstrahl.
Der ist viel schöner noch als du
und nicht so bleich und fahl.
Der küsst so süss, der küsst so heiss,
viel inniger als du;
küsst mir die Blütenblätter auf.
Doch du? – Lass mich in Ruh‘!“
Carl Wolff (1884-1938) deutscher Schriftssteller und Kabarettist
Aus der Gedichtsammlung „Auf stillen Wegen“

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Flöte

Fotos Brigitte Fuchs
Unser Geist ist himmelblau,
Führt dich in die blaue Ferne,
Zarte Klänge locken dich
Im Gemisch von andern Tönen.
Lieblich sprechen wir hinein,
Wenn die andern munter singen;
Deuten blaue Berge, Wolken,
Lieben Himmel sänftlich an,
Wie der letzte leise Grund
Hinter grünen frischen Bäumen.
Ludwig Tieck (1773-1853) deutscher Dichter und Schriftsteller
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Alt und neu
Foto Brigitte Fuchs: Fassaden in der Altstadt von Aarau
Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen
Hier uns zu freuen,
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heisst mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.
(…)
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter
Erste Strophe aus seinem Gedicht „Zum neuen Jahr“
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Hauswurz

Fotos Brigitte Fuchs
So ein Pflänzchen, Wurzelzeug,
nichts, wovor mein Knie ich beug.
Braucht kaum Wasser, wenig Sonne,
bringt nicht Seligkeit, noch Wonne,
hat gleichwohl enorme Kraft.
Wenn ein Pflänzchen solches schafft,
muss es doch auch uns gelingen,
Mut und Stärke zu erbringen,
sei’s mit Jubel, sei’s mit Beben,
unbedingt zu lieben, leben…
Brigitte Fuchs

Foto Brigitte Fuchs
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Ans Ziel
Foto Brigitte Fuchs
Gestern ein Rieseln
Im weichen Eise,
Heute ein Bach
Auf der Frühlingsreise,
Gestern ein Kind
Mit Schleif und Band,
Heute Jungfrau
Im Festgewand; –
Wohin? Wer weiss?
Und wem der Preis?
Frage die Biene,
Wohin sie fliegt,
Frage die Hoffnung,
Wo Eden liegt.
Johann Georg Fischer (1816-1897) deutscher Lyriker und Dramatiker
Text aus dem Internet

Foto Brigitte Fuchs
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Der Gartenweg
Foto Brigitte Fuchs
Sein Einfall freut ihn, zwischen zweien Stücken
vergnügten Rasens diesen sachten Bug
sanft zu vollziehen; mit dem Haus im Rücken,
und vor sich grade noch Bereichs genug,
sich zu erholen vom gefühlten Schwung.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) Lyriker deutscher Sprache
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Fragen über Fragen
Foto Brigitte Fuchs: Schaufenster in Lenzburg
Misst der Koch mit Löffeln und Kellen?
Ringt der Hund um Worte beim Bellen?
Stecken wir die Ideen ohne Sinn
allesamt hinters Ohr unters Kinn?
Wird uns irgendwann irgendwas klar?
Treibt die Angst den Gast an die Bar?
Warum nimmt es die Zeit so genau
und ist der Ärger nun grün oder blau?
Schreibt der Tag eine Notiz an die Nacht?
Wird ein Denker zum Dichter ganz sacht?
Brigitte Fuchs
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Waben
Fotos Brigitte Fuchs
(…)
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch gross und ewig einsam sind
und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommt’s dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der „Abend“ sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) österreichischer Dichter, Dramatiker und Erzähler
Letzte Strophen aus seinem Gedicht „Ballade des äusseren Lebens“
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