Archiv der Kategorie: Gedichte

An die Bäume

Fotos Brigitte Fuchs: Alte Bäume im Bally-Park Schönenwerd/SO

 

Ihr, die Verwandelten,
Einst ein Geschlecht von Göttern,
Ehrwürdige Bäume,
Liebt ihr mich wie ich euch?
Achtet ihr mein, der Kurzlebenden,
Sklavisch Gebundenen?
Tief in die Erde gemauert,
Steht euer Stamm wie ein Turm,
In versteinerten Schuppenpanzern
Unüberwindlich wie Behemoth.
Silbergerüstete Pappeln heben
Auf zu den Wolken ihr schimmerndes Haupt.
Geisterhaft
Umhaucht die Ölweide Wohlgeruch,
Die uralt verkrümmte,
Und wie erstarrte Schlangen
Krallt sich der Eiche Geäst
Schicksalhaft: Schicksale, die jetzt fern,
Längst vergessen von euch,
Aber wie hehre Musik
Durch eure heiligen Wipfel rauschen.

 

Ricarda Huch (1864-1947) deutsche Dichterin, Philosophin und Historikerin

 

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Mittel zum Vergnügen

Foto Brigitte Fuchs

 

Schwestern! wollt ihr wissen,
Wie ich mich vergnüge,
Dass ich immer scherze,
Dass ich immer singe,
Dass ich auch im Winter,
Wenn auch schon die Rosen
Unser Haupt nicht krönen,
Doch noch immer scherze?
Machts wie ich, und liebet!
Doch liebet nicht nur Männer:
Liebet auch die Tugend;
Liebet schöne Bücher;
Stimmet auch die Saiten,
Dichtet schöne Lieder;
Singet von der Liebe!
Liebt ihr aber Männer;
O! so liebt nur einen,
Liebet ihn recht zärtlich,
Scherzt mit eurem Freunde:
So seyd ihr recht glücklich!

 

Johanna Charlotte Unzer (1725-1782) auch Johanne Charlotte Unzer-Ziegler, deutsche Dichterin und Philosophin

 

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Ein heller Kopf

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Ein heller Kopf hat viel voraus,
er überredet leicht den Dummen;
doch läufts auf einen Streit hinaus,
dann muss der Klügere verstummen.

 

Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) österreichischer Schauspieler, Sänger, Dramatiker und Satiriker

 

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Fast zärtlich…

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Von nahendem Regen fast zärtlich verdunkelter Garten,
Garten unter der zögernden Hand.
Als besännen sich, ernster, in den Beeten die Arten,
wie es geschah, dass sie ein Gärtner erfand.

 

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926) deutschsprachiger Lyriker Schriftsteller und Übersetzer
Erste Strophe des zweistrophigen Gedichtes „Von nahendem Regen fast zärtlich verdunkelter Garten“

 

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Die Wasser tragen alles

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Die Wasser tragen alles:
Leg‘ nur dein Glück darauf!
Sie heben’s wie auf Händen
Zum Sternenlicht hinauf.

Die Wasser tragen alles:
Leg‘ nur dein Leid darauf!
Sie tragen’s nach dem Meere
In nimmermüdem Lauf.

 

Karl Ernst Knodt (1856-1917) deutscher Dichter

 

 

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Dein Haar

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Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer –
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr –
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

 

Max Hermann-Neisse (1886-1941) deutscher Schriftsteller

 

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Du bist meine wilde Taube

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Du bist meine wilde Taube:
Sei dein Ölzweig nun mein Wort;
Wie vom Jägersmann im Laube,
Flatterst du vom Dichter fort.

In der Künste freier Höhe
Singst du nun im kühnen Flug
All die Freude, all das Wehe,
Das er still im Herzen trug.

Fliege, kleine, wilde Taube,
Trag es in die Welt hinaus,
Dass der Sturm kein Blatt dir raube
Aus des Dichters Liederstrauss.

 

Rudolf Bunge (1836-1907) deutscher Dichter, Dramatiker und Librettist
Aus der Sammlung „Heimat“

 

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Das ist’s…

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Das ist’s, warum sich’s leben lässt
trotz alledem auf Erden:
Die ganze Welt ist nur ein Nest,
doch jedes Nest kann eine Welt dir werden.

 

Paul Heyse (1830-1914) deutscher Schriftsteller und Nobelpreisträger (1910)

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Guten Morgen!

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Taumorgen

Rings volle Blütendolden,
schon reift das Gras zur Mahd.
Durch Buchengrün malt golden
das Frühlicht seinen Pfad.

Das Tal lacht kräfteschwanger
im Glanz des Morgentaus.
Aus blumendichtem Anger
pflück’ ich den Wiesenstrauss,

und hab’ ihn dir vors Zimmer
als meinen Gruss gesteckt,
wenn voller Sonne Schimmer
die späte Schläfrin weckt.

 

 

Arthur von Wallpach (1866-1946) Tiroler Dichter und Schriftsteller

 

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Der Spaziergang

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Musik summt im Gehölz am Nachmittag.
Im Korn sich ernste Vogelscheuchen drehn.
Hollunderbüsche sacht am Weg verwehn;
Ein Haus zerflimmert wunderlich und vag.
In Goldnem schwebt ein Duft von Thymian,
Auf einem Stein steht eine heitere Zahl.
Auf einer Wiese spielen Kinder Ball,
Dann hebt ein Baum vor dir zu kreisen an.
Du träumst: die Schwester kämmt ihr blondes Haar,
Auch schreibt ein ferner Freund dir einen Brief.
Ein Schober flieht durchs Grau vergilbt und schief
Und manchmal schwebst du leicht und wunderbar.

 

Georg Trakl (1887-1914) österreichischer Dichter
Erster Teil seines dreiteiligen Gedichtzyklus „Der Spaziergang“

 

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