Archiv der Kategorie: Gedichte

Giselheer dem Tiger

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Über dein Gesicht schleichen die Dschungeln.
O, wie du bist!

Deine Tigeraugen sind süss geworden
In der Sonne.

Ich trag dich immer herum
Zwischen meinen Zähnen.

Du mein Indianerbuch,
Wild West,
Siouxhäuptling!

Im Zwielicht schmachte ich
Gebunden am Buxbaumstamm –

Ich kann nicht mehr sein
Ohne das Skalpspiel.

Rote Küsse malen deine Messer
Auf meine Brust –

Bis mein Haar an deinem Gürtel flattert.

 

 

Else Lasker-Schüler (1869-1945) deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin jüdischer Herkunft

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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An den Sonntag

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Lieber Sonntag, sei uns freundlich
Nach der grauen, langen Woche!
Zart mit goldnem Sonnenfinger
Morgens mir ans Fenster poche.

 

 

Anna Dix (1874-1947) deutsche Dichterin
„Vom unsichtbaren Königreich“, 1913. Aus dem Gedicht „An den Sonntag“

 

 

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Elbenreigen

Fotos Brigitte Fuchs: Mittlerer Wegerich

 

Auf der Wiese webt und schwebt
Elbenringelreigen;
feiner Füsschen Schnee sich hebt
zu geheimen Geigen.

Schleier schlingen sich im Ring,
Silberflechten flimmern,
Flügel wie von Schmetterlingen
scheu im Monde schimmern.

Jedes Köpfchen krönt ein Kranz
goldner Leuchtlaternchen,
wunderwirr verstrickt der Tanz
all die tausend Sternchen.

(…)

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Erste drei von sieben Strophen des Gedichtes Elbenreigen

 

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Wenn die Wolken…

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wenn die Wolken sich heiss den Liebeshof machen

 

Ein lechzend Gewitter durch den Nachmittag strich

Und krepierend hinter die Berge hinschlich.

Als lägen Drachen im Liebeskampf,

Umbrüllten sich Wolken mit dumpfem Gestampf.

Wenn die Wolken sich heiss den Liebeshof machen,

Sitzt grell der Tod in ihrem Lachen.

Jetzt atmet das Gras wieder hell und klar;

Kühl steht die Welt an alter Stell‘

Und weiss kaum noch, dass sie voll Durstgefühl war.

 

Max Dauthendey (1867-1918), deutscher Dichter und Maler

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Roter Mohn

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Vögelchen Schwermut flog über die Nacht,
hat einen Schnabel voll Leide gebracht –
Und wie es flog ins Feld hinein,
stiess es die Brust am Dorngezäun’,
davon das Blut herniederging
und zaubrisch an zu treiben fing’,
und wo es hingeflogen war,
hatten die Felder Mohn im Haar.

 

 

Gustav Schüler (1868-1938) deutscher Dramatiker, Heimatdichter und Volksschullehrer

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Manchmal im Mai

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

 

Seegras auf Landgängen

Das Rotwild zähmt seine Neugierde

Der Jäger bittet zum Tanz

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“ Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

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Tragende Stimmung

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wieder ein Morgen zwischen leiern und

feiern noch freudetrunken das Hemd

für den Tag kein Stadtplan kein Blick in

den Spiegel der Kaffee schmeckt uns

Schluck für Schluck aus dem Satz in

der Tasse lesen wir ein dunkles Glück

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

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Pfingsten

Ein Pfingstgedichtchen will heraus

Ins Freie, ins Kühne.

So treibt es mich aus meinem Haus

Ins Neue, ins Grüne.

 

 

Wenn sich der Himmel grau bezieht,

Mich stört’s nicht im geringsten.

Wer meine weisse Hose sieht,

Der merkt doch: Es ist Pfingsten.

 

 

Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,

Wie Hühner Eier legen,

Und gehe festlich und geschmückt

Pfingstochse meinetwegen

Dem Honorar entgegen.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer

 

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Jetzt rede du

Fotos Brigitte Fuchs

 

Du warest mir ein täglich Wanderziel
Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen,
Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.

Und wieder such ich dich, du dunkler Hort,
Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen –
Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen.

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Schweizer Dichter

 

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Anemonen

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Anemonen Sie spriessen licht aus Waldesnacht,
Ohne reichen Duft, ohne Farbenpracht,
Unter den grossen, alten Bäumen,
Über das Moos wie flutend Träumen:
Wann der Wind vorüber streicht,
Neigen sie ihre Köpfchen leicht,
Aber wo die Sonne licht
Durch die Blätterkronen bricht,
Saugen sie all das goldige Scheinen
Sehnsuchtsvoll in den Kelch, den kleinen.
So blühen sie scheu, ohne Glanz und Pracht:
Die lichten Kinder der Waldesnacht.

 

 

Therese Dahn (1845-1929) geb. Therese von Droste-Hülshoff, deutsche Schriftstellerin, Nichte der Annette von Droste-Hülshoff, Ehefrau von Felix Dahn

 

Foto Brigitte Fuchs

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