Archiv der Kategorie: Gedichte
Früher Frühling
Fotos Brigitte Fuchs
Zwischen Februar und März
liegt die grosse Zeitenwende,
und, man spürt es allerwärts,
mit dem Winter geht’s zuende.
Schon beim ersten Sonnenschimmer
steigt der Lenz in’s Wartezimmer.
Keiner weiss, wie es geschah
und auf einmal ist er da.
Manche Knospe wird verschneit
zwar im frühen Lenz auf Erden.
Alles dauert seine Zeit,
nur Geduld, es wird schon werden.
Folgt auch noch ein rauher Schauer,
lacht der Himmel um so blauer.
Leichter schlägt des Menschen Herz
zwischen Februar und März.
Fred Endrikat (1890-1942) deutscher Dichter, Schriftsteller und Kabarettist
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Zauber
Fotos Brigitte Fuchs: Zaubernuss (Hamamelis)
Die Sonne scheint, die Sonne scheint,
das ist der Zauber,
die Blumen wachsen,
die Wurzeln strecken sich,
das ist der Zauber.
Leben und stark sein,
das ist der Zauber,
er ist in mir,
er ist in uns allen.
Frances Hodgson Burnett (1849-1924) britische Schriftstellerin
Aus „Der geheime Garten“
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Aschermittwoch
Fotos Brigitte Fuchs
Gestern noch ging ich gepudert und süchtig
In der vielbunten tönenden Welt.
Heute ist alles schon lange ersoffen.
Hier ist ein Ding.
Dort ist ein Ding.
Etwas sieht so aus.
Etwas sieht anders aus.
Wie leicht pustet einer die ganze
Blühende Erde aus.
Der Himmel ist kalt und blau.
Oder der Mond ist gelb und platt.
Ein Wald hat viele einzelne Bäume.
Ist nichts mehr zum Weinen.
Ist nichts mehr zum Schreien.
Wo bin ich –
Alfred Lichtenstein (1889-1914) deutscher Dichter
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„Nun muss sich alles wenden!“
Fotos Brigitte Fuchs
„Nun muss sich alles wenden!“
In der ersten Wärmewonne
leuchten alle Farben lichter;
junge Stare lärmen laut,
aller Schnee ist fortgetaut –
jede Hütte heut voll Sonne,
jedes Menschenkind ein Dichter!
Max Bruns (1876-1945) deutscher Verleger, Übersetzer und Dichter
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In den starren Tag

Foto Brigitte Fuchs
Wenn die Furcht nicht wäre
vor dem falschen Wort indes
die Hand sich ausstreckt nach
der Haut nach dem flackernden Haar
und wir beidseits der Grenzen erwachen
am Morgen die begradigten Ufer
begehen mit raschem Schritt
Wohl hätte ich Lust
mich ins Kreischen der Vögel
zu mischen und hätte auch
Stimme genug
Brigitte Fuchs
Aus „Suchbild mit Garten“ Gedichte, Kukuruz Verlag, Lüchingen 1998
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Guter Tag
Foto Brigitte Fuchs
Guter Tag. Da prüft man doch: was bringt er?
Und wie langsam liest man seine Schrift.
Rascher, reiner, kühner, unbedingter:
oh wie uns die Freude übertrifft.
Ist uns als Künftigste zuvor,
wendet sich und blickt und macht uns schneller,
und wir folgen wie die Vogelsteller,
und das Herz klingt oben bis ins Ohr.
Glück: was rollt das schwer auf seinem Rade,
müde, immer wieder unbereit;
aber Freude steht und blüht gerade,
und wir treten an die Jahreszeit.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) Lyriker deutscher und französischer Sprache
Gedicht, das im Winter 1913/14 in Paris entstand

Foto Brigitte Fuchs
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Dein Tag

Fotos Brigitte Fuchs
Wenn nach der Ruhe du vom Lager dich erhebst,
Reicht dir der Morgen einen schimmernden Pokal
Aus goldnem Licht und aus zwölf Perlen schön geschmiedet,
Und sagt dir, der Pokal sei dein und heisse: Tag.
Weisst du, was es bedeutet, ihn in Händen halten,
Den grossen, leeren, fordernden Pokal?
(…)
Marie Feesche (1871-1950) deutsche Lyrikerin und Erzählerin
Anfangszeilen des Gedichtes „Dein Tag“
Aus dem Büchlein „Erntesegen“, Verlag Heinrich Feesche, Hannover 1921
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Februartag eisig

Fotos Brigitte Fuchs: Ballypark Schönenwerd an einem früheren 6. Februar
Es knirscht auf den Parkwegen
beidseits im Neuschnee sind
Nachrichten zu lesen
harsche Fakten von allerlei
Kreaturen Schrittmuster
Spurwechsel Raufereien mit
ungewissem Ausgang
Windböen zerzausen die
Schilfschöpfe am Ufer
noch ist die Eisdecke für
Abschweifungen zu dünn
Weit draussen steckt halb
eingefroren eine Sandkasten-
Schaufel und sticht den sechsten
Februartag knallrot für uns aus
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014
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Februar

Fotos Brigitte Fuchs
Schon leuchtet die Sonne wieder am Himmel
und schmilzt die Schneelast von den Dächern
und taut das Eis auf an den Fenstern
und lacht ins Zimmer; wie geht´s? wie steht´s?
Und wenn es auch noch lang nicht Frühling,
so laut es überall tropft und rinnt…
du sinnst hinaus über deine Dächer…
du sagst, es sei ein schreckliches Wetter,
man werde ganz krank! und bist im stillen
glückselig drüber wie ein Kind.
Cäsar Otto Hugo Flaischlen (1864-1920) deutscher Lyriker und Mundart-Dichter
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Rückblick

Foto Brigitte Fuchs
Rückblick
Und so sind sie hingeschwunden,
Jahre, voll von Leid und Glück,
Tief im Innersten empfunden —
Lächelnd schau‘ ich jetzt zurück.
Diese Perlen sind die Früchte
Mancher kühnen Taucherfahrt;
Sie zu reihen gleich und dichte,
Ist dem Künstler aufbewahrt.
Eduard von Bauernfeld (1802-1890) österreichischer Dichter, Dramatiker und Jurist
Hausdichter am Burgtheater in Wien
Quelle: Gedichtesammlung „Aus der Jugend“
Von der zweiten Strophe gibt es auch eine andere Version:
Jugendgärung ist vorüber,
Fühle Ruhe, fühle Kraft;
Doch die Unruh‘ war mir lieber,
Die nur einzig zeugt und schafft!

Foto Brigitte Fuchs: Die selbe Landschaft (bei Dürrenäsch), nicht durch den Rückspiegel gesehen
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