Archiv der Kategorie: Gedichte
Verflogene Sehnsucht
Foto Brigitte Fuchs
Die Frühlingsnacht naht lind und lau
Durch träumende Gelände.
Wie süsser Atem einer Frau
So lösungsmild, so zart, so lau
Sind ihre weichen Hände.
Die tragen Deine Sehnsucht fort,
Du fühlst sie Dir entschwinden …
Nun weisst Du nicht ihr Ziel und Wort,
Suchst Deine Sehnsucht fort und fort
Und kannst sie nimmer finden …
Stefan Zweig (1881-1942) österreichischer Schriftsteller
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Fenster
Fotos Brigitte Fuchs
Wenn Birkenblätter wie goldner Schaum
wirbeln auf welkenden Matten,
spinn unter Dach deinen friedlichen Traum
in Mitternachts Wolkenschatten.
Wenn der Wind an deinem Fenster erscheint,
ein schneebleicher Freiersmann,
träume, dass er es gut mit dir meint
und dir nichts anhaben kann.
Träume vom spielenden Sonnenstaub,
dem heiteren, sonnenwarmen,
und dass du, umhegt von grünem Laub,
geschlafen in meinen Armen.
Erik Axel Karlfeldt (1864-1931) schwedischer Lyriker und Sekretär der Schwedischen Akademie, Nobelpreisträger für Literatur 1931 (posthum)
Gedicht mit der Überschrift „Serenade“
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Wintereinbruch
Fotos Brigitte Fuchs
Trüb sucht mein Blick: wann wird sie wieder blühn?
Die harte Erde lässt mit kaltem Schweigen
die Wipfel in den klaren Himmel zeigen
um die verschneite Bank im Wald,
auf der du einst ein Frühlingsglück umarmtest;
nun spriesst Reif an den starren Zweigen.
Dann willst du weitergehn den alten Gang,
da schluchzt ein Vogelherz, du weisst nicht wo,
die Stille klingt ihm nach: sie blüht, sie blüht!
Lichtblüten glitzern über allen Steigen!
Richard Dehmel (1863-1920) deutscher Dichter und Schriftsteller
Gedicht mit der Überschrift „Lied im Winter“

Fotos Brigitte Fuchs
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April
Fotos Brigitte Fuchs
Bald ein rauhes kaltes Rauschen,
Dass der dunkle Forst erkracht;
Bald ein Flüstern, Kosen, Lauschen,
Wie die stillste Frühlingsnacht.
Bald der Himmel, bald die Sonne,
Bald die Wolken, bald der Schnee –
Wie der Liebe erste Wonne,
Wie der Liebe erstes Weh.
Bald das Jauchzen, bald die Trauer
In der aufgeregten Brust —
Und noch halb in Winterschauer,
Und schon halb in Frühlingslust.
Bald ein ungestümes Ringen,
Bald ein Frieden sonntagsstill —
O, was wirst Du mir noch bringen
Schöner, stürmischer April?
Julius Rodenberg (1831-1914) deutscher Journalist und Schriftsteller
Aus „Die Jahreszeiten“
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Unversehen
Foto Brigitte Fuchs
So fahl der Tag heute
heftet uns hängt uns
die Ohnmacht
gebündelt an Ferse
und Hals
hält uns hin
und nicht wieder
und keine einzige
Stunde vom Leib
stellt uns
zwischen wenn und aber
Herz an Herz
unter Glas
Brigitte Fuchs
Aus „Herzschlagzeilen“ Gedichte, Glendyn Verlag Aarau 1989
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Weltwassertag
Mild beschwichtendes Element
Mild beschwichtendes Element,
Wasser,
Nicht nur löschest du Feur, das brennt,
Wasser!
Nicht nur erquickst du den Durst, der lechzt.
Wasser,
Du auch heilest mein Kind, das ächzt,
Wasser!
Ihm gelegt auf die glühende Stirn,
Wasser,
Schütze vorm Fieberbrand das Gehirn,
Wasser!
Auf die welkende Blüte gesprengt,
Wasser,
Wie auf Blumen sonnenversengt,
Wasser!
Essig müßte mir sein der Wein,
Wasser,
Eh‘ er dürfte gemischt dir sein,
Wasser.
Friedrich Rückert (1788-1866) deutscher Dichter

Alle Fotos Brigitte Fuchs
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Der Frühling

Fotos Brigitte Fuchs
Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.
Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.
Friedrich Hölderlin (1770-1843) deutscher Lyriker

Fotos Brigitte Fuchs
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Wie die Biene

Foto Brigitte Fuchs
Wie die Biene
Flogest du,
Froher Miene
Sogest du
Blüthenthau, o welchen
Thau aus allen Kelchen
Saugend zogest du!
(…)
Wie die Biene
Sei nicht bang,
Froher Miene
Mein Gesang!
Diese Schmerzen taugen,
Lust daraus zu saugen
Unter Bienenklang.
Friedrich Rückert (1788-1866) deutscher Dichter
Erste und letzte Strophe seines Gedichtes „Wie die Biene“
Aus der Sammlung „Trost und Erhebung“

Foto Brigitte Fuchs
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Nur eine Stunde im grünen Wald
Fotos Brigitte Fuchs
Nur eine Stunde von Menschen fern,
Nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
Statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
Statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
Nur eine Stunde von Menschen fern!
(…)
Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen sich flüsternd neigen,
Wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
Wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!
Auguste Kurs (1815-1892) deutsche Lyrikerin, Novellistin, Redakteurin
Zwei der drei Strophen ihres gleichnamigen Gedichtes
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Nichts lächelt

Foto Brigitte Fuchs: Illustration an einer Lärmschutzwand in Suhr
Nichts
lächelt
verlogener als
das Gefühl
der Macht
es gaukelt
Freiheit
vor
inmitten
der Haft.
Magdalena Rüetschi (1923-2016) Schweizer Psychotherapeutin, Lyrikerin und Kinderbuchautorin, mit der ich lange Jahre befreundet war
Aus „Pascal’s Zimmer“, Gedichte, Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 1992
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