Archiv der Kategorie: Bilder

Advent mit Tucholsky

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

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Die diskreditierte Literatur

Das deutsche Lesepublikum scheint mit einem großen Wurstkessel verglichen werden zu dürfen. Oben stehen die Köche – das sind die Herren Verleger – und schütten und schütten Würste hinein. Wie lange noch, und der Kessel ist voll.

Wie soll das werden? Früher, das war eine schöne Zeit. Gewiß, die Bücher waren nicht so billig wie heute, und auch die Drucktechnik ließ noch zu wünschen übrig. Aber wie liebte man so ein schmales Bändchen, wie kannte man jeden Buchstaben auf dem Einband, wie zärtlich streichelte man das oft gelesene Buch! Heute hat sich der Druck verbessert, die Ausstattung ist fast durchweg gut – aber die Bücher sind wohlfeil geworden und die Liebe zu ihnen auch.

(…)

Kurt Tucholsky

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

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Kindertheater

 

Wie war das doch? –

Schon der Nachmittag war unruhig und bewegt – Theater! Und wir gingen von zu Hause fort, durch die noch hellen Straßen, blind für alles Licht, vorwärtsstrebend, stumm. Das große Gebäude, die Kasse, die vielen Menschen, – drängte sich nicht ein Mädchen mit blauschimmernden Flügeln am Rücken durch sie alle? – die Garderobe – das wurde ungeduldig und schnell, hastig erledigt.

Wir traten in den riesigen Raum voll Lichtern, heißer Luft und summenden Gesprächen. Wir kamen stets spät; der Saal verdunkelte sich, und unten im Orchester klopfte ein Stäbchen aus Holz. Und Töne, die bis dahin gebrummt und quinkiliert hatten, verstummten, und der Strich von zwanzig Geigen setzte ein. O süßer Moment, wenn die Ouvertüre beginnt, im Halbdunkel der wenigen Lämpchen schwimmen Gesichter, helle Schöße der Frauen, oben bauscht sich der Vorhang ein wenig . . . Musik! Die Musik spielte – und die Backen wurden heiß und die Hände, Musik, immer noch Musik, und jetzt erhob sich der Vorhang.

Das Stück begann.

(…)

 

Kurt Tucholsky

Aus dem Jahre 1913

 

Foto Brigitte Fuchs: Theater Tuchlaube, das inzwischen mit anderen Institutionen zur „Bühne Aarau“ gehört

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

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Einkäufe

Was schenke ich dem kleinen Michel
zu diesem kalten Weihnachtsfest?
Den Kullerball? Den Sabberpichel?
Ein Gummikissen, das nicht näßt?
Ein kleines Seifensiederlicht?
Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Wähl ich den Wiederaufbaukasten?
Schenk ich ihm noch mehr Schreibpapier?
Ein Ding mit schwarzweißroten Tasten;
ein patriotisches Klavier?
Ein objektives Kriegsgericht?
Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Schenk ich den Nachttopf ihm auf Rollen?
Schenk ich ein Moratorium?
Ein Sparschwein, kugelig geschwollen?
Ein Puppenkrematorium?
Ein neues gescheites Reichsgericht?
Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Ach, liebe Basen, Onkels, Tanten –
Schenkt ihr ihm was. Ich find es kaum.
Ihr seid die Fixen und Gewandten,
hängt ihrs ihm untern Tannenbaum.
Doch schenkt ihm keine Reaktion!
Die hat er schon. Die hat er schon!

 

Kurt Tucholsky
Aus dem Jahre 1919

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs: Leuchtturm bei Cuxhaven

 

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Die letzte Seite

Mein Beruf – ich bin Zweiter Leuchtturmwächter auf der kleinen Ostseeinsel Achnoe, und die Nächte sind lang – mein Beruf zwingt mich, viel und ausgiebig zu lesen. Um neue Bücher ist mir nicht bange – die bekomme ich von meinem Freund, Herrn Andreas Portrykus, dem Nachtredakteur des ›Strahlförder Generalanzeigers‹ (mit Unfallversicherung). Er schenkt mir alle Rezensionsexemplare, und so lese ich Nacht für Nacht, alles durcheinander: Romane und Reisebeschreibungen und zarte, sinnige Geschichten aus edler Frauenhand, und was man eben so liest.

Und wenn der Wind an die dicken Scheiben stößt, wenn mein Burgunderpunsch auf dem Tisch dampft, der bräunliche Tabak knastert und ich alter Mann wieder einmal froh bin, diesen Posten ergattert zu haben –: dann kommt es wohl vor, daß ich aus Zerstreutheit und guter Laune die Bücher von hinten zu lesen beginne, so, wie man aus einem Kuchen sich zuerst die Rosinen herausknabbert. Und da bin ich zu der Entdeckung gekommen, daß die Schlüsse all der vielen Bücher sich deutlich nach verschiedenen Arten gruppieren lassen. Es gibt Normalschlüsse, die immer wiederkehren: der Autor mag vom Mond heruntergefallen sein, am Schlusse besinnt er sich doch auf sein edles Menschentum und redet deutsch.

Heute nacht habe ich wieder vier Pfund Bücher gelesen – mir ist noch manches im Gedächtnis. Ich will es einmal versuchen.

(…)

Ja, wird stets der geneigte Leser nun sagen: Das ist ja alles sehr schön und nett – aber wie soll denn ein Buchschluß nun sein? Diese gefallen doch dem Herrn Leuchtturmwächter alle nicht . . .

Ich muß sagen, daß ich in meiner jetzt zwanzigjährigen Dienstzeit nur einmal einen wirklich guten, ehrlichen und motivierten Buchschluß gefunden habe. Er fand sich in einem Gedichtbüchlein ›Frühlingsstimmen‹ von Herrn Hugo Taubensee. Der Mann war – wie man aus dem beigehefteten Porträt sehen konnte – Postschaffner, aber auch Dichter, eine der so häufigen Verbindungen von Geschäftsmann und Romantiker. Der Verleger war nur Geschäftsmann.

Diese ›Frühlingsstimmen‹ klangen folgendermaßen aus:

»Mitteilung an den Leser!

Die gesammelten Gedichte des Verfassers gehen in Wirklichkeit noch weiter. Weil ich aber nicht in der bemittelten Lage bin, weiteres Papier und auch die Druckkosten anzuschaffen, so sehe ich mich gezwungen, die Gedichte hier abzubrechen. Ich will aber, wenn der Absatz dieses Büchleins ein entsprechender ist, die ›Frühlingsstimmen‹ gern fortsetzen. Die Leser handeln also im eigenen Interesse, wenn sie das Buch fleißig kaufen und weiter empfehlen!«

Das heiß ich einen Schluß! Von jetzt an werde ich mich mehr den Anfängen zuwenden.

Kurt Tucholsky

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs: Das legendäre Café Teuscher in Zürich

 

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Neues Leben

Von morgen ab fängt ein neues Leben an.

Der Doktor Bergmann hat einen ordentlichen Schreck bekommen, als er mich ansah, und ich bekam einen noch viel größeren. »Was machen Sie denn, lieber Freund?« fragte er leise. »Was . . . was ist denn, Doktor?« sagte ich. »Haben Sie etwas mit der Leber?« fragte er. »Ihre Augen gefallen mir gar nicht. Kommen Sie mal in den nächsten Tagen zu mir!« Natürlich gehe ich hin. Ich weiß schon, was er mir sagen will, und er hat auch ganz recht. So geht das nicht mehr weiter.

Also von morgen ab hört mir das mit dem Bier bei Tisch auf. Wenn mir Mutter wieder Hamann-Schokolade durch Emmy schicken läßt, gebe ich sie den Kindern. Und Edith darf nicht mehr so fett kochen. Gestern hab ich ihr noch gesagt . . . Nein, gestern hab ich gefragt, ob noch Stopfleber da ist – das ist wahr. Aber das hört mir jetzt auf.

 

(…)

 

Kurt Tucholsky

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Advent mit Tucholsky

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

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In des Waldes tiefsten Gründen

(…)

»Ich geh jetzt morden«, sagte der Räuberhauptmann Nickel Kernbeißer und zog den Lederkoller fester. Warf das gute, alte Schießgewehr über die Schulter, steckte die Trichterpistolen in den Gürtel, den Räubererlaubnisschein ins Wams – »Velleda, mein Weib, leb wohl! Mich siehst nimmer!« – »Aber zum Nachmittagskaffee bist du doch wieder da?« entgegnete die Hausfrau treuherzig, indem sie sich mit einem kräftigen Armschwung die Nase putzte. »Stell ihn warm, wenn ich nicht zur Zeit zurück bin«, sprach Nickel düster. Und schritt fürbaß.

 

Kurt Tucholsky

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

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Wenn die Flocken fallen…

Grübelnd ging ich heut in meinen Laden.
Und ich dachte mir: Es kann nichts schaden –
Mach mal Inventur!
Oh, Matthias, wird das Leben aber teuer!
Jetzt kommt, Gott behüte, eine Umsatzsteuer –
Wer bezahlt die nur?
Und ich frag mich: Mitten in Berlin?
Kann der Mensch da Steuern hinterziehn?
Eben wars noch trocken.
Plötzlich schneit es dichte, dichte Flocken . . .
Und mir fällt beim Wandern eine nach der andern
leise auf den Hut.
Denk im Schneegeriesel:
Ich bin doch ein Stiesel –
weil die ganze Welt dergleichen tut!

 

(…)

 

 

Kurt Tucholsky
Erste von drei Strophen des gleichnamigen Gedichtes aus dem Jahre 1919

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs: Auswahl in einem öffentlichen Bücherschrank

 

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Nette Bücher

 

In diesen Blättern wird rechtens dauernd und ausgiebig auf gute Literatur hingewiesen. Ich halte es für kein Zeichen mangelnder Lebenskraft, wenn man auch einmal beherzt und klar sagt: heute, Sonntagnachmittag, habe ich mich auf ein Sofa hingelümmelt und geschmökert. Was? Allerhand. Aber es waren nette Bücher.

 

Kurt Tucholsky

 

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs: Wandbilder vor ein paar Jahren aufgenommen vor einem Kino in Freiburg im Breisgau

 

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Die Bildstreifenausschüsse zur Prüfung kulturbildender Bildstreifen haben Richtlinien herausgegeben. Danach dürfen in Filmen, die auf das Prädikat »kulturfördernd« Anspruch haben wollen, nicht mehr vorkommen:

Mädchen über 19 Jahren – Mädchen unter 19 Jahren – unverheiratete Männer (an Männern überhaupt pro Film nicht mehr als zwei) – Totengräber – Lebedamen – Arbeitslose – Frauenärzte – Embryos – öffentliche Plätze bzw. Häuser – Großaufnahmen von Gliedmaßen aller Art – Küsse (nur Elternküsse) – Betrunkene – Hungrige – Bolschewisten – Prostituierte – Richter.

Insbesondere ist das Auftreten politisch Andersdenkender grundsätzlich verboten.

 

Kurt Tucholsky
In „Kleine Nachrichten“ 1932

 

Foto Brigitte Fuchs: Wie oben

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

 

9

 

(…)

Eine Geschichte? Dies ist eine schöne Geschichte.

Ein amerikanischer Milliardär – meine Geschichten spielen alle in vornehmer Gesellschaft – ein amerikanischer Milliardär wurde einst von einem Freunde gefragt: »Wie machen Sie das, Herr Moneymaker: auf jedem Ihrer Empfänge werden Ihnen Hunderte von Leuten vorgestellt, Menschen, die Sie nie vorher gesehn haben. Alle aber unterhalten sich mit Ihnen auf das trefflichste. Wie machen Sie das nur?« – »Ich habe mir da eine Methode ausgedacht«, sagte der Milliardär. »Ich frage jeden Menschen, der mir vorgestellt wird: Was macht Ihr Leiden –?«

 

 

Kurt Tucholsky

„Schnipsel“ aus dem Jahre 1932

 

 

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