Monatsarchive: Oktober 2020

Feldbeichte

Foto Brigitte Fuchs

 

Im Herbst, wenn sich der Baum entlaubt,
Nachdenklich wird und schweigend,
Mit Reif bestreut sein welkes Haupt,
Fromm sich dem Sturme neigend:

Da geht das Dichterjahr zu End‘,
Da wird mir ernst zu Mute;
Im Herbst nehm‘ ich das Sakrament
In jungem Traubenblute.

Da bin ich stets beim Abendrot
Allein im Feld zu finden,
Da brech‘ ich zag mein Stücklein Brot
Und denk‘ an meine Sünden.

Ich richte mir den Beichtstuhl ein
Auf ödem Haideplatze;
Der Mond, der muss mein Pfaffe sein
Mit seiner Silberglatze.

Und wenn er grämlich zögern will,
Der Last mich zu entheben,
Dann ruf‘ ich: «Alter, schweig‘ nur still,
Es ist mir schon vergeben!

Ich habe längst mit Not und Tod
Ein Wörtlein schon gesprochen!»
Dann wird mein Pfaff vor Ärger rot
Und hat sich bald verkrochen.

 

Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Dichter und Romancier

 

 

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Ah, der Herbstabend!

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Auch die Einsamkeit

ist manchmal etwas Schönes –

ah, der Herbstabend!

 

 

Yosa Buson (1715-1783) japanischer Dichter und Maler der Edo-Zeit

 

 

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Sinnestäuschung

Foto Brigitte Fuchs: Kindermuseum in Baden

 

 

Leicht täuschen wir die Sinne, gern lässt das Herz sich von den Sinnen täuschen, und Täuschung ist beredter als die Wahrheit.

 

 

Ernst Benjamin Salomo Raupach (1784-1852) deutscher Schriftsteller und Dramatiker

 

Foto Brigitte Fuchs: Kindermuseum Baden

 

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Das Leuchten

Ich gehe viel spazieren, einmal einfach, weil strahlendes Wetter ist, dann auch,
weil ich die kommenden Herbststürme vorausahne. So nütze ich wie ein
Geizhals aus, was Gott mir schenkt.

 

Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (1626-1696) französische Schriftstellerin
Aus „Briefe an Frau von Grignan“, Oktober 1684

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

 

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Blätterbraun

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Ein Nebel blaut über das Blätterbraun,
Das zwischen den Bäumen den Boden bedeckt.

Wenn ihr euren Herbst entdeckt:
Dann seid darüber nicht traurig, ihr Fraun.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Seefahrer, Kabarettist, Dichter und Schriftsteller
Letzte Zeilen aus seinem Gedicht „Herbst“

 

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Zoogeschichten III

Foto Brigitte Fuchs: Zoo Hasel in Remigen

 

 

Es lebt im Zoo der Leguan
bescheiden, faul und meist vegan.
Besucher lassen ihn echt kalt.
Vielleicht wird er deshalb so alt.

 

 

Brigitte Fuchs

 

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Herbstliches Spiel

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Herbstliches Spiel

 

Der Herbst spielt eine Partie «Mensch

ärgere dich nicht» mit den Brunnen der Stadt

platziert da und dort seine Hütchen rückt

jeden Tag ein paar Felder vor immer sind seine

Figuren im Vormarsch manchmal würfelt

der Wind mit rückt die Partie zurecht schickt

die Konkurrenten zurück an den Start

 

 

Brigitte Fuchs

 

 

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Das wird nichts

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Das könnte dissonant werden heute
Stosszeiten in jeder Hinsicht Absagen

Parkschäden Missgriffe selbst die
Bäume legen ihren Sommerstaat ab

die Lust dreht sich weg was will man
da machen die Hände vors Gesicht

den Kopf in den Quarzsand der Uhr
ach ja die Zeit rinnt längst digital

und die Strohhalme nach denen wir
greifen schwanken unsanft im Wind

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

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Oktobersonne

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Oktobersonne

Auf einem Blatt im Maisfeld

ein weisser Falter

 

 

Brigitte Fuchs

 

 

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Esskastanie

 

Auf die wärmenden und heilenden Eigenschaften der Edelkastanie legte schon Hildegard von Bingen grossen Wert. In ihrer Heilkunde findet der Kastanienbaum mit seinen Früchten, den „Marroni“, wegen seiner vielfachen heilenden Wirkung darum spezielle Erwähnung:

 

 

„Der Kastanienbaum ist sehr warm, hat aber doch grosse Kraft, die der Wärme beigemischt ist, und er bezeichnet die Weisheit. Und was in ihm ist und auch seine Frucht ist sehr nützlich gegen jede Schwäche, die im Menschen ist“.

 

Hildegard von Bingen (1098-1179) deutsche Ordensfrau und Mystikerin
Aus der medizinischen Schrift „Heilkraft der Natur – Physica“, im dritten Buch „Von den Bäumen“

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

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